Gemeinwohlorientiert in die Zukunft – das ist die Vision von Boris, Jurek und Jakob Voelkel. Die Söhne des Bio-Pioniers Josef Voelkel haben die Safterei übernommen, die Preise erhöht und eine neue Flasche eingeführt. Bleibt das Unternehmen auf Erfolgskurs?
Seit Januar füllt Voelkel einige Direktsäfte in neue 0,5 Liter-Flaschen ab – und die kosten rund 30 Prozent mehr. Warum?
Jurek Voelkel: Wir haben viele unserer Fruchtsäfte nicht kostendeckend verkauft. Jetzt kommunizieren wir deutlich: Die Wahl eines Lebensmittels ist eine wirtschaftspolitische Entscheidung darüber, wie die Welt aussieht: Unsere Landwirte werden so bezahlt, dass ihre Betriebe eine Langfristperspektive haben. Voelkel-Produkte sind nicht teuer, sie sind den Preis wert.
Preiserhöhungen sind schwierig zu kommunizieren….
Jurek Voelkel: Deswegen differenzieren wir uns vom Wettbewerb und erreichen eine Premium-Positionierung. Der Premium-Anspruch muss für Kunden sichtbar sein. Unser Wettbewerber ist der konventioneller Getränkekonsum – wir ermutigen, Bio zu kaufen. Und: Wir haben die Kalkulation so überarbeitet, dass in allen Handelsstufen und auch für die Lebensmittelhändler mehr Wertschöpfung möglich ist.
Die neue Flasche – Bio-Lifestyle
Sichtbarkeit zeigt sich in der neuen Flasche – welche Vorteile hat sie?
Jurek Voelkel: Sie hat einen großen Verschluss, der beim Aufmachen viel Aroma transportiert, eine weichmacherfreie Deckeldichtung und eine hohe Wiedererkennbarkeit.
Die Preiserhöhung hat ihre Gründe auch in der Rohstoffsituation?
Boris Voelkel: Ja. Für alle Einkäufer ist der Job aktuell besonders herausfordernd. Im Ökolandbau funktionieren die üblichen Marktmechanismen nicht. Wenn die Ernte gut ist, gehen die Preise runter… Dazu kommen die Auswirkungen des Klimawandels mit Wetterextremen, Superernten und totalen Missernten. Wir kommen aus Zeiten, in denen die Volatilität deutlich geringer war. Preisschwankungen von 20 Prozent waren bei Rohware die Regel, 60 Prozent war die Ausnahme. Heute gibt es häufig 500 Prozent Auf- und Abschläge. 2024 stieg der Preis für Sauerkirschen von 1,30 Euro auf 5,7 Euro pro Kilogramm.
Wie gehen Sie damit um?
Jurek Voelkel: Wir haben alles in einer Hand: Wir sind dicht am Landwirt und verarbeiten selber. Das macht uns stabiler, wir sind von Grundstofflieferanten unabhängig. Man schleppt im Unternehmen zwar einen Kostenblock mit sich herum, aber wir sind agil. Auch wenn sich beispielsweise die Nachfrage plötzlich aufgrund eines TikTok-Posts von irgendeinem sportiven Influencer verdreifacht oder Zikaden die Häfte der Rote Beete-Ernte vernichten – wir können jeden Trend parieren, unser Lieferanten-Netzwerk hält.
Nichts ohne Netzwerk
Das Netzwerk der Produzenten ist also ein Schlüssel zum Erfolg?
Boris Voelkel: Unbedingt. Beziehungsfähigkeit ist die Zukunft die Kernkompetenz, um überhaupt noch wirtschaften zu können. Wir bieten den Landwirten und den Kunden viel Stabilität. Das müssen wir machen, sonst verlieren wir bei schlechten Rahmenbedingungen die Familienbetriebe unter den Produzenten. Und wenn das so weitergeht, haben wir in fünf Jahren ein niederländisch-chinesisches Konsortium, dessen KI mit einem großen Lebensmittelkonzern die Preise verhandelt, die wir für Lebensmittel zahlen müssen. Zynisch – man nennt das Krieg, da ist systematische Gewalt im Spiel, man macht Strukturen kaputt.
Wie ist die Reaktion Ihrer Kunden, des LEH?
Jurek Voelkel: Wir sind begeistert von der Offenheit des Handels, wir haben viel Vertrauensvorschuss bekommen und wachsen deutlich.
Was bedeutet die wechselhafte und herausfordernde Beschaffungssituation bei Rohstoffen für die Produktion?
Jakob Voelkel: Die zunehmenden Extremwetterereignisse bedeuten vor allem große Herausforderungen in der Planbarkeit der Verfügbarkeit von Rohwaren. Mal ist besonders viel verfügbar, mal besonders wenig – mal gar nichts. Um diese Extreme auszugleichen, müssen wir Puffer im Tanklager bereitstellen. Konkret bedeutet dies hohe Investitionen in Lagerkapazitäten und Energie für die Lagerung sowie die digitale Verfahrenssteuerung. Gleichzeitig müssen wir sehr reaktionsschnell agieren, um möglichst schnell und flexibel zwischen den unterschiedlichen Produktionen bzw. Abfüllungen wechseln zu können. Neben den reinen Mengen wirken sich die Wetterextreme aber auch in der Qualität der angelieferten Ware aus. Bei Gemüse kann dies zum Beispiel ein sehr hoher Anteil an Erde sein. Viel Erde bedeutet erhöhter Verschleiß der Maschinen, erhöhter Wasserverbrauch zur Reinigung und so weiter.
Das klingt nach komplizierter werdenden Verhältnissen…
Zusammengefasst: Früher war größtenteils der Einkaufspreis der Rohware entscheidend, heute ist es eine immer größer werdende Anzahl an Faktoren, die letztlich zur Preisbildung des Endproduktes beitragen. Wir reden also über ein hochkomplexes Zusammenspiel von Logistik, Verarbeitung, Lagerung und Energiemanagement, um die nötige Resilienz und Flexibilität im Unternehmen zu schaffen.
Durch Technik voran
Wie kann Technik unterstützen? Welche technischen Innovationen hat das Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit vorgenommen, welche sind in Planung bzw. werden aktuell realisiert?
An erster Stelle steht hier unser in 2025 in Betrieb genommenes Biomasse-Heizwerk. Mit diesem verfolgen wir konsequent das Ziel, uns schrittweise von fossilen Energieträgern zu lösen. Bis zu 80 Prozent des bisherigen Gasverbrauchs lassen sich damit einsparen. Herzstück der Anlage ist eine Dampfkesselanlage mit 6 t/h Leistung. Sie versorgt die Produktion zuverlässig mit Prozessdampf und erfüllt dabei höchste Anforderungen an Effizienz, Betriebssicherheit und Umweltverträglichkeit. Eingesetzt wird derzeit Altholz der Kategorie A1. Damit leisten wir nicht nur einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz, sondern stärken zugleich die regionale Wertschöpfung. Dann installieren wir aktuell eine neue Abfülllinie, die kombiniert sowohl Glasflaschen als auch Dosen abfüllen kann. Wir haben uns bewusst für eine kombinierte Linie entschieden, um den zunehmend unterschiedlichen Anforderungen der Konsument*innen gerecht werden und weiterhin innovative Produkte in mittleren bis kleinen Chargengrößen produzieren zu können. Dies macht uns unabhängig von externen Dosenabfüllern, die üblicherweise nur in Dimensionen von 200.000 bis 300.000 produzieren.
Also sind kleine Größen für Voelkel wichtig?
Die Möglichkeit, kleinere Mengen im Bereich von 30.000 Dosen produzieren zu können ist für uns jedoch strategisch essenziell, um neue Produkte kostengünstig am Markt ausprobieren zu können. Im Gegensatz zu großen Konzernen ist die Stärke von Voelkel immer ganz nah am Puls der Zeit zu sein und Produkte in kürzester Zeit marktreif zu bekommen. Aktuelles Beispiel ist unser gerade auf der Biofach vorgestellte Wasserkefir, ein Produkt, das auf einzigartige Weise auf Trends wie Darmgesundheit und kalorienarme Ernährung einzahlt und das wir als erster großer Hersteller in gleich zwei Varianten in den Handel bringen können. Stichwort Wasser: dieses wird zunehmend zu einem raren Gut. Besonders stolz bin ich daher auf unsere neue Gemüsewaschanlage, mit der wir 80-90 Prozent des bislang benötigten Wassers einsparen können. Ein Gewinn nicht nur für Voelkel, sondern auch für die Natur.






