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Deals, um die Zukunft zu sichern

Im exklusiven RUNDSCHAU-Interview ordnet Ökonom Alexander Lahmann die aktuellen Übernahmen in der deutschen Lebensmittelindustrie ein. Wie funktioniert der Markt angesichts von Wettbewerb, Preisdruck und geringeren Margen?

Freitag, 30. Januar 2026

Alexander Lahmann ist Professor für Mergers & Acquisitions (M&A) an der Leipzig Graduate School of Management (HHL). Foto: Michael Bader/HHL

Von Martina Kausch

Göbber und die Schwarz Gruppe, Kellogg und Ferrero, Edeka Nord und Edeka Rhein-Ruhr: Übernahmen und Fusionen sind aktuell an der Tagesordnung. Merger & Acquisi­tions (M&A) ist eines der Spezialgebiete von Alexander Lahmann an der Leipzig Graduate School of Management (HHL).

Was sind die Gründe für die Transaktionen in der Lebensmittelbranche, die wir zurzeit erleben? 

Transaktionen im Bereich Merger & Acquisi­tions (M&A) spielen selbstverständlich auch in der Lebensmittelindustrie eine große Rolle. Sie finden aus einer Reihe strategischer, finanzieller und struktureller Gründe statt. Die Branche ist stark mittelständisch geprägt, oftmals hoch reguliert und in vielen Segmen­ten durch intensiven Wettbewerb, Preisdruck und geringe Margen geprägt.

Welche Ziele wollen Unternehmen mit solchen Transaktionen erreichen?

Viele Unternehmen der deutschen Lebens­mittelwirtschaft stoßen beim organischen Wachstum an ihre Grenzen – etwa durch gesättigte Märkte, stabile Verbrauchergewohn­heiten oder begrenzte Produktionskapazitäten. Anorganisches Wachstum ermöglicht den zukaufenden Unternehmen eine schnellere Ausweitung von Marktanteilen, den Zugang zu neuen Produktkategorien – beispielswei­se Convenience, Bio, pflanzliche Alternativen – oder den Eintritt in neue Regionen oder Exportmärkte. Hierfür ist Kellogg-Ferrero ein gutes Beispiel. Und es gibt auch unmittelbare Skaleneffekte durch größere Produktions-oder Vermarktungsvolumina.

 

Fokus Mittelstand

 

Sie sprechen von Konzernen – wie ist die Situation im Mittelstand?

Im mittelständischen Bereich kann ein Zu­kauf auch strategisch notwendig sein, um im Wettbewerb mit großen Handelskonzernen und internationalen Produzenten bestehen zu können. Gerade Unternehmen wie Oetker oder auch die Schwarz Gruppe verfolgen eine konkrete Strategie, wie sie ihr Wachstum stärker vorantreiben können.

Welche Rolle spielt bei den Übernahmen die Aussicht auf Synergien? Synergieeffekte zu heben ist ein Kernargument für nahezu jede M&A-Aktivität. In der Lebens­mittelindustrie wirken diese besonders stark, weil die Branche hohe Fixkosten und große Abhängigkeiten von Einkaufspreisen, Logis­tik und Handelsbeziehungen hat. Typische Potenziale sind Kosten- und Umsatzsynergie

Das bedeutet konkret?

Kostensynergien werden meistens durch die Bündelung des Rohwareneinkaufs, die Nut­zung gemeinsamer Produktionskapazitäten oder auch die Zusammenlegung von Verwal­tung und Vertrieb gehoben. Im Gegensatz dazu sollen Umsatzsynergien durch Aktivitäten wie Cross-Selling, Erweiterung des Produkt­portfolios und die Nutzung gemeinsamer Marken- und Marketingplattformen den Um­satz erheblich wachsen lassen.

Welche Rolle spielt die Möglichkeit, durch Zukauf mehr finanzielle Kraft zu entwickeln? Edeka Nord etwa baut aktuell ein großes Lager und schließt sich nun mit Edeka Rhein-Ruhr zusammen.

Im Rahmen von Transaktionen sieht man auch, dass M&A-Transaktionen zur Stabili­sierung von finanziell angeschlagenen Unter­nehmen durchgeführt werden. Die finanziell stärkeren Unternehmen wollen sich damit oftmals Produktionskapazitäten oder regionale Zugänge sichern.

 

Die Nachfolgefrage

 

Die Nachfolgefrage ist im deutschen Mittelstand oft ein Thema.

Ja, Nachfolgesituationen sind sogar ein be­sonders prägender Faktor in Deutschland. Die Lebensmittelindustrie ist stark mittel­ständisch geprägt – viele Betriebe sind seit Jahrzehnten familiengeführt. Hier kommt es zwingend entweder zu einer familieninternen Nachfolge oder einer externen, durch zum Beispiel den Verkauf an einen strategischen Investor, eventuell einen Marktbegleiter. Ak­tuell fehlen oftmals die Nachkommen, die den Familienbetrieb weiterführen möchten oder können. Auch direkte Eins-zu-eins-Nachfolgen sind eher die Ausnahmen. Es gibt zu wenig potenzielle Nachfolger. Und externe Nachfol­ger müssen oft nicht nur die Expertise, sondern auch finanzielle Ressourcen mitbringen.

Und dann kommen die Finanzinvestoren …

Es kann tatsächlich vermehrt dazu kommen, dass Unternehmen an strategische oder Fi­nanzinvestoren verkauft werden. Diese Nach­folgeproblematik ist insbesondere in den Sub-Branchen Backwaren oder Fleischver­arbeitung klar sichtbar. Gerade bei letzterer Branche werden wir in den nächsten Jahren vermehrt Transaktionen beobachten.

Wie funktioniert eine M&A-Transaktion technisch? Wie läuft sie ab ?

Der Weg vom Deal-Sourcing bis hin zum Closing einer Transaktion ist oft komplex und zeitintensiv. Er umfasst sechs Phasen: Zunächst die Strategische Planung und Iden­tifikation von Zielunternehmen, also die Ansprache potenzieller Zukaufkandidaten. Es folgt die Due Diligence in den Bereichen Financial, Legal, Tax, Human Resources – dies ist die intensive Prüfung des Unternehmens. Der dritte und der vierte Schritt finden oft parallel statt: Die Verhandlung von Kaufpreis und Konditionen. Es folgen der Vertragsab­schluss und die mögliche Zustimmung durch eine Aufsichtsbehörde. Bei Schritt sechs, der Post-Merger-Integration nach Abschluss, wer­den die Unternehmen ineinander integriert, um die Synergien möglichst schnell zu heben. Bei Übernahmen unterscheidet man zwischen einem Asset-Deal und einem Share-Deal. Ersteres beschreibt ausschließlich den Erwerb einzelner Vermö­genswerte des Zielunternehmens. Ein Beispiel für einen Asset-Deal ist die Übernahme der Göbber GmbH durch die Schwarz-Produktion. Zu den Vermögenswerten gehören ja auch immaterielle Vermögensgegenstände wie Markenrechte oder Rezepturen. Im Gegensatz dazu erwirbt das Unternehmen bei einem Share-Deal das gesamte Unternehmen.

 

Positive Seiten?

 

Konkret gefragt: Was ist der Grund für den Kellogg-Ferrero-Deal?

Durch strategische Zukäufe können Unter­nehmen neue Märkte erschließen, ihren Kundenstamm erweitern und Synergien in den Bereichen Produktion, Vertrieb und Marketing realisieren. Die Übernahme von Kellogg durch Ferrero ist hierfür ein anschau­liches Beispiel. Mit diesem Schritt sichert sich der Konzern stärkere Marktanteile auf dem US-amerikanischen Markt für Cerea­lien – trotz der schwächeren Nachfrage nach Frühstückscerealien dort sieht Ferrero Wachs­tumspotenzial. Natürlich können durch die Zusammenlegung von Verwaltungseinheiten und den Abbau von Doppelstrukturen auch Kosten eingespart werden.

Zum Schluss eine vielleicht etwas ketzerische Frage: Welche positiven Seiten von M&A gibt es für den Mittelstand?

Großunternehmen können die Rolle eines Partners für kleinere mittelständische Unter­nehmen übernehmen. Besonders in Zeiten wirtschaftlicher Turbulenzen kann sich dies als ein nachhaltiges Nachfolgemodell entwi­ckeln. Dadurch können regionale Traditionen, Kultur und Arbeitsplätze erhalten werden und kleinere mittelständische Unternehmen von den Wettbewerbsvorteilen größerer Einheiten profitieren. Ein Beispiel: Ein Familienunter­nehmen wie die Kathi Rainer Thiele GmbH kann sich durch die Übernahme durch die Oetker-Gruppe finanziell stabilisieren und Arbeitsplätze sichern. Durch Modernisie­rungs- und Investitionsmaßnahmen soll sich das Traditionsunternehmen wieder in einem wettbewerbsintensiven Markt behaupten kön­nen. Die Oetker-Gruppe sichert sich so natür­lich auch wichtige Marktanteile im Segment Backmischungen und Kuchenspezialitäten. Darüber hinaus ermöglichen solche Über­nahmen mittelständischen Unternehmen einen einfacheren und schnelleren Zugang zu finanziellen Mitteln.

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