Nach sechs Jahren Pionierarbeit stellt die Verbraucher-Initiative „Du bist hier der Chef!” ihre hauptamtliche Arbeit zum 31. Dezember 2025 ein. Wie die Initiative mitteilte, blieb die deutschlandweite Listung durch große Handelsketten trotz nachgewiesener Nachfrage, 2,8 Millionen verkaufter Produkte und fairer Preise für Landwirte aus. Die Initiative gibt nun ihr gesamtes Wissen open-source weiter – als „Kompost” für die nächste Generation demokratischer Lebensmittel.
Das Paradox: Beweis erbracht, Türen bleiben zu
Über 35.000 Verbraucher haben Produkte demokratisch mitgestaltet, 50.000 Menschen aktiv partizipiert. Die Verbraucher-Milch zahlte Landwirten durchschnittlich 8,4 Prozent mehr als der Bio-Marktdurchschnitt über 4,5 Jahre. Während der Inflationskrise 2022 stieg der Preis der Verbraucher-Milch dank transparenter Community-Abstimmung um nur zehn Prozent, während der Markt um 27 Prozent anzog.
„Wir haben bewiesen, dass es funktioniert”, sagt Nicolas Barthelmé, Gründer und Vorstand der Initiative. „Verbraucher sind bereit, für Transparenz und faire Erzeugerpreise zu zahlen. Landwirte bekommen endlich planbare Einkommen. Aber die dicken Türen des Handels blieben verschlossen.”
Die Angst vor Transparenz als Systemfehler
Mehr als einmal erlebte das Team dasselbe Muster: Anfängliche Begeisterung in Listungsgesprächen, gefolgt von Stillstand. „Das Konzept machte den Handel neugierig”, erklärt Barthelmé. „Nach vielen Gesprächen war man sich einig: Das Thema ist wichtig. Doch die Angst den ersten Schritt in Richtung höherer Einkaufspreise und Preistransparenz zu wagen, lähmte viele Handelspartner.
Die Initiative hatte gehofft, die Verfügbarkeit ihrer Produkte zu erweitern und neue Sortimente aufzubauen. „Wir konnten weder die Verfügbarkeit noch die Anzahl unserer Produkte elementar erhöhen”, bedauert Barthelmé. „Die Bereitschaft des Handels, sich aktiv am Aufbau eines neuen transparenten Sortiments an fairen Produkten zu beteiligen, blieb aus.”
Was bleibt: Ein Open-Source-Wissensspeicher
Die Initiative kapituliert nicht, den sie transformiert. Unter dem Namen „Kompost” stellt „Du bist hier der Chef!” alle Learnings, Methoden und Tools frei zur Verfügung. Enthalten sind:
- Der vollständige Wirkungsbericht nach Social Reporting Standard
- Prozess-Dokumentationen (Co-Kreation, partizipative Preisfindung, Verbraucher-Audits)
- Geschäftsmodelle und Kalkulationen
„Wir waren oft zu weit voraus”, resümiert Barthelmé. „Aber wir haben mit unserer Community bewiesen, wie man Supermarktregale mit fairen und guten Lebensmitteln bestückt – Lebensmitteln, denen von Beginn an das Vertrauen der Kunden innewohnt. Dieses Wissen gehört jetzt allen.”
Die 7 wichtigsten Erkenntnisse
Nach sechs Jahren zieht das Team ehrlich Bilanz:
- Handelsspanne: Jegliche Mitsprache wird als Übergriff aufgefasst.
- Transparenz-Blockade: Der Markt ist für vollständige Preistransparenz mit aufgedruckten UVP nicht bereit
- Komplexität des Handels: Der deutsche LEH braucht gezielte Vertriebspower und lange Vorlaufzeiten
- Projekt-Falle: Zu oft blieb es beim „Projekt”-Status ohne Go für Piloten
- Stabiles Produkt, instabiler Markt: Ein robustes Produkt musste sich in einem extrem unsteten Markt behaupten
- Bio-Potential: Die Bio-Welt birgt viel unerschlossenes Potential
- Handel als Hebel: Der LEH bleibt der best- und größtmögliche Hebel für echten Wandel
Die Verbraucher-Milch bleibt
Die Verbraucher-Milch – das Leuchtturm-Produkt der Initiative – bleibt in den bereits belieferten Märkten erhältlich. Nicolas Barthelmé wird als 1. Vorsitzender des Vereins zum 1. Januar 2026 wieder ins Ehrenamt wechseln. Die Initiative wird von engagierten Verbrauchern weitergeführt, heißt es.






