Auch mitten im Urlaub hat Alina Heurich Zeit für ein Gespräch. Für die Unternehmerin und Forscherin ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf Führungsebene eben ein Herzthema.
Wie erleben Sie Ihre Rolle als Frau in einer nach wie vor stark männlich geprägten Branche?
Ich bin vor sechs Jahren zunächst auf Basis eines Projekts in das Familienunternehmen eingestiegen und habe mich immer intensiver mit dem Unternehmen beschäftigt. Nach etwa zweieinhalb Jahren wurde das Thema Nachfolge konkret. Da wir zwei Töchter sind, war klar, dass eine familieninterne Nachfolge eine Frau sein würde. Das hat sich aber nicht aus einem familiären Druck heraus entwickelt, sondern aus dem Prozess heraus.
An meine erste große Branchenveranstaltung erinnere ich mich noch sehr gut. Unter rund 900 Führungskräften waren damals gerade einmal fünf Frauen. Diese Disproportion ist mir sofort aufgefallen.
Hat das Ihre Wahrnehmung der eigenen Führungsrolle verändert?
Als Führungskraft sollte man sich ständig reflektieren, weiterentwickeln und hinterfragen. Das Geschlecht spielt dabei für die eigene Wahrnehmung eine untergeordnete Rolle. Einen Unterschied macht aber die Außenwahrnehmung.
Ich glaube, wir müssen dahin kommen, dass Führung als etwas Normales betrachtet wird – unabhängig davon, ob die Person ein Mann oder eine Frau ist. Es geht um Stärken und Schwächen eines Menschen. Ich frage mich deshalb nicht, wie ich eine Führungsrolle ausfüllen würde, wenn ich Thomas statt Alina hieße. Ich versuche, die Rolle so gut auszufüllen, wie ich es für richtig halte – unabhängig vom Geschlecht.
Ist der Umgang in der Branche anders, wenn eine Frau in einer ansonsten männlichen Runde sitzt?
Ich glaube schon, dass Männer untereinander anders miteinander umgehen, wenn eine Frau dabei ist – genauso wie Frauen untereinander anders agieren, wenn ein Mann hinzukommt. Das Problem ist aber nicht das Geschlecht, sondern was wir daraus machen. Wir müssen lernen, dass es völlig normal ist, dass Frauen in solchen Positionen sitzen. Frauen sind schließlich rund 50 Prozent der Bevölkerung.
Sie forschen zudem zur Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Was hat Sie zu diesem Thema gebracht?
Als feststand, dass ich die Unternehmensnachfolge antreten werde, wurde ich gefragt, ob ich denn keine Familie haben wolle. Ich habe die Frage zunächst nicht verstanden. Dahinter stand die Annahme, dass man ein Unternehmen nicht führen und gleichzeitig eine Familie gründen könne. Ich habe damals nach Vorbildern gesucht – nach Frauen, die beides miteinander verbinden. Einige Beispiele habe ich gefunden, aber das Thema hat mich tiefer beschäftigt. Gleichzeitig wollte ich ohnehin promovieren. Über meine heutige Doktormutter bin ich dann zum Thema der Vereinbarkeit von Unternehmensführung und Mutterrolle gekommen.
Was braucht es, damit Unternehmen Frauen besser fördern und Karriere und Familie tatsächlich vereinbar werden?
Es gibt nicht die eine Stellschraube. Unternehmen können flexible Arbeitszeiten anbieten, Führung teilen oder andere Modelle ermöglichen. Aber die Frage ist immer: Wer übernimmt die Kosten und die Verantwortung für die notwendige Infrastruktur?
Wenn der Staat keine ausreichende Kinderbetreuung bereitstellt und der Partner aufgrund eines Vollzeitjobs nicht unterstützen kann, kann ein Unternehmen diese Lücke nur begrenzt schließen. Deshalb müssen Unternehmen, private Rahmenbedingungen und staatliche Strukturen zusammenspielen.
Was erwarten Sie dabei von Politik und Gesellschaft?
Zunächst müssen wir unsere eigenen Kommentare, Urteile und Verhaltensweisen reflektieren. Wenn eine Frau sich für eine Führungsposition und eine Familie entschieden hat, sollte die erste Frage nicht automatisch lauten: „Wo sind denn die Kinder heute?“ Damit bringt man sie sofort in eine Rechtfertigungssituation.
Wir sollten Frauen zudem nicht ständig das Gefühl geben, sie seien eine Ausnahme oder ein „Alien“. Es muss normal werden, dass eine Frau Führungsverantwortung übernimmt und gleichzeitig Mutter ist. Jeder Einzelne kann dazu beitragen.
Auch politisch gibt es seit Langem Forderungen, etwa nach besseren Betreuungsstrukturen oder einer steuerlichen Entlastung von Kinderbetreuung. Entscheidend ist, dass wir die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Menschen ihr eigenes Modell von Arbeit und Familie verwirklichen können.






