Herr Grünewald, die Zeiten sind herausfordernd. Was muss passieren, damit die Stimmung besser wird?
Die Deutschen stecken aktuell in einer Verfassung fest, die ich in meinem neuesten Buch* „Nachspielzeit“ genannt habe. Wir ziehen uns ins Schneckenhaus zurück, haben keinen Zukunftsoptimismus. Es gibt auch einen Retro-Trend, also den Blick in den Rückspiegel und in eine Vergangenheit, die teilweise verklärt wird. Geborgenheit ist das Wort der Stunde, deswegen kaufen wir auch ständig Trostprodukte im Supermarkt. Das führt alles zu einem großen Reformstau und zu gestauter Energie.
Und wie kommen wir da raus?
Ich setze auf den Handel. Der LEH ist in einer Schlüsselposition, um die Stimmung im Lande zu verbessern.
Wie meinen Sie das?
Der Lebensmittelhandel muss nicht lediglich ein Abbild der geltenden Verhältnisse sein. Er kann viel bewegen und selbst dafür sorgen, dass die Kauflust wieder entfacht und die Laune der Konsumenten besser wird. Zum Beispiel mit spannenden Shop-Konzepten, mit einer frischen Farbgebung, mit sinnvollen Aktionen, die die Gemeinschaft stärken – etwa nach dem Vorbild von „Scheine für Vereine“. Sie sollten etwas Sinnvolles organisieren, das den Gemeinsinn stärkt und nicht nur dem eigenen Portemonnaie zugute kommt. Wichtig ist auch, Innovationen zu präsentieren und den Kunden Inspiration zu liefern. Wir müssen dringend vom „Retro-“ in den „Future“-Modus.
Okay. Allerdings zeigt die aktuelle Realität im Lebensmittelhandel, dass Handel und Industrie eher auf niedrige Preise und Promotions setzen.
Promotions schaffen nur eine kurzfristige Aktivierung, vernichten aber langfristig Werte. Sie lösen auch nicht den Energiestau im Lande. Auch der Preisverfall ist ein Verfall. Viel besser ist es, Preisaktionen mit Themen zu verbinden, die zu einer Stärkung und Vitalisierung der Kundenbeziehungen führen und Aufbruchstimmung verbreiten. Der Handel sollte den Wandel promoten.
Woher soll diese Aufbruchstimmung kommen? Etwa durch die nächste Fußball-WM im Trump-Land?
Die Fußball-Weltmeisterschaft kann definitiv zur Stimmungswende beitragen. Das Turnier hat die Kraft, Hunderttausende für ein Ziel zu mobilisieren.
Müsste nicht die Politik für Aufbruchstimmung sorgen?
Wir sollten nicht darauf warten, dass die Politik das tut. Der Supermarkt ist doch ein demokratischer Ort, wo die Menschen hinkommen und sehen, was los ist, sich informieren und im besten Falle inspirieren lassen. Dort kann man viel bewegen.Das Land liegt gerade in einer Art Dornröschenschlaf. Der Lebensmittelhandel hat das Zeug zur Prinzenrolle und kann es wachküssen.
Ein anderes Thema: Der Trend im LEH zu Produkten, die einen gesundheitlichen Mehrwert versprechen. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?
Dieser Trend spiegelt die Suche nach Selbstwirksamkeit wider. In unsicheren Zeiten sind das Ich und der eigene Körper das Einzige, worauf man sich wirklich verlassen kann und was man auch selbst ändern kann. Damit ist der Supermarkt nicht nur ein Ort der Lebensmittel, sondern der Lebensmitte. Der LEH wird zum Komplettausrüster und gewinnt, zusammen mit den Drogeriemärkten, Marktanteile von der Apotheke, die man oft mit Krankheit und Siechtum verbindet.
* Stephan Grünewald: Wir Krisenakrobaten – Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft. Verlag Kiepenheuer & Witsch.
Stephan Grünewald
Der Psychologe und Autor leitet das Rheingold Institut. In der Rubrik “ForscherAuftritt” wechselt er sich mit David Bosshart, Florian Klaus und Martin Fassnacht ab. www.stephangruenewald.de






