Gin kommt wieder
So gut die Zahlen, so saisonal bedingt sind sie auch – gut 40 Prozent des Jahresumsatzes bei den Spirituosenherstellern entfällt alleine auf die Verkaufsmonate Oktober bis Dezember: Im Herbst und Winter bevorzugen viele Menschen wegen der Kälte hochprozentige Tropfen, die sich auch zu einem guten Buch oder in einer gemütlichen Runde zu Hause genießen lassen. Aus diesem Grund bringen die Spirituosenhersteller bewusst und besonders oft zum Herbst Sondereditionen und Line-Extentions (siehe Produktkasten Seite 31).
Berliner Bars als Trendsetter
Während sich Rum, Whisky und Wodka in den Spirituosenabteilungen bereits fest etabliert haben, muss sich Gin seinen Platz erst wieder erkämpfen. Groß war der Wachholderschnaps bereits. Wurde dann allerdings vom Wodka verdrängt. Für Wallung bei der Aufholjagd hat Ende der 90er-Jahre der mit Gurken aromatisierte „Hendrick´s Gin“ (William Grant) gesorgt. Ausgangspunkt waren damals nicht Supermärkte, sondern Berliner Bars. Seinen Aufstieg begründen Kenner vor allem mit seiner fast unerschöpflichen Aromenvielfalt – einige Bars haben mittlerweile sogar eine Gin-Karte aufgelegt.
Mit einem Zuwachs von bis zu 34 Prozent verzeichnet Gin seit 2010 den hochprozentigsten Zuwachs von allen Spirituosen. Einzelne Marken wie „Tanqueray Gin“ aus dem Hause Diageo haben ihren Umsatz sogar verdoppelt. Während angesagte Bars in Berlin, Hamburg und München mit bis zu 80 verschiedenen Gin-Marken aufwarten können, bietet der Handel oft nur eine magere Auswahl.
Bisher stehen sich viele Kaufleute noch im Weg, wenn es darum geht, die Spirituosenabteilung attraktiver zu machen. Hinzu kommt dieser Dauerbrenner: „Die abgeschlossenen Glasvitrinen mit Spirituosen sind ein Ärgernis und verhindern Umsatz“, sagt Heiko J. Fabian von Campari Deutschland.
Erst allmählich beginnt ein Umdenken. Duty-free-Shops an Flughäfen zeigen, was möglich ist. „Die Warenpräsentation dort ist sehr ansprechend, sinnvoll geordnet und hochwertig“, lobt Tobias Gerlach von Diageo. Davon könne auch der Lebensmittelhandel eine Menge lernen.
Michael Glück ist ein Pionier auf diesem Gebiet. Der selbstständige Rewe-Kaufmann aus Rengsdorf im Westerwald hat im April seine Spirituosenabteilung umgemodelt. „Unsere Zielgruppen sind gesellige Partypeople, kultiviert-offene Shopper und anspruchsvolle Genießer“, sagt er.
Sortiment umfasst 360 Spirituosen
Zusammen mit einem Team von Pernod Ricard hat Glück ein neues, innovatives Konzept erarbeitet, das klar diversifiziert: Für junge Leute gibt es Alkopops, Bacardi und Wodka-Varianten in einem mit bunten LED beleuchteten Regal (siehe Seite. 30).
Die „Kultivierten“ finden ihren Grappa und Ramazotti in einem eigenen Regal, das durch auffällige Rahmen hervorgehoben wird. Die „Genussmenschen“ lockt Glück mit einer edlen Whisky- und Rumauswahl. „Ich würde das jederzeit wieder machen, jetzt ist die Kundenorientierung optimiert“, sagt Glück. Experten bescheinigen seiner Spirituosenabteilung Vorbildcharakter. Zu seinem Portfolio von 360 verschiedenen Spirituosen zählen immerhin acht verschiedene Marken Gin.
Auch Verkostungen sind ein wichtiger Faktor. Wenn der Kunde ein Produkt schon einmal auf den Lippen hatte, steigt die Kaufrate, belegen Konsumentenumfragen. Der Aufwand lohnt sich. Alleine die Optimierung des Category Managements bei Premium-Spirituosen bringt nach Aussagen von Pernod Ricard ein Umsatzplus von durchschnittlich zehn Prozent. Fazit: Hochpreisige Flaschen brauchen ein entsprechendes Präsentations-Umfeld. Standard reicht hier nicht.
In Baden-Baden lebt die Markthalle von einem kaufkräftigen Klientel. Das zeigt sich auch bei Spirituosen: hochpreisig statt Allerweltsstandard, nicht verschlossen, sondern offen in einem alten Barschrank.
Innovativ, individuell und differenziert ist die Spirituosenabteilung im Rewe-Markt in Rengsdorf. Die emotionale Ansprache hilft dem Konsumenten bei der Orientierung.
Duty-free-Shop
Flughäfen sind Umschlagsplatz für Premiumware und gelten bei Spirituosenexperten als State-of-the-art-Konzepte. Auch hier am Istanbuler Flughafen werden Spirituosen zelebriert.
Das Super-Premium-Segment ist nicht nur margenstark, sondern bietet selbstständigen Kaufleuten auch Gelegenheit sich vom Streckensortiment der Wettbewerber abzuheben. Beispiele: Beefeater Crown Jewel Gin (230 Euro), John Walker & Sons Odyssey (700 Euro), J. W. von Goethe Vintage Reserve 1952 (2.000 Euro), Glenrothes Single Malt Whisky (5.300 Euro).
Das Mittel-Premium-Segment ist breiter aufgestellt und spricht alle bewussten Genießer an, die bereit sind, für Qualität und Authentizität tiefer in die Tasche zu greifen. Beispiele: Tanqueray No. Ten Gin (32,90 Euro), Ciroc Vodka (42,99 Euro), Baileys Chocolat Luxe (16,99 Euro), Jack Daniel’s Sinatra Select (150 Euro).
Regionalität ist ein Basistrend und strahlt mittlerweile auch auf den Spirituosenmarkt ab. Speziell bei Gin sind in den vergangenen Jahren mehrere lokale Spezialitäten auf den Markt gekommen, die es zu nationaler oder sogar internationaler Bekanntheit gebracht haben. Beispiele: Monkey 47 Schwarzwald Dry Gin (31,90 Euro), Adler Berlin Dry Gin (30,69 Euro), The Duke – Munich Dry Gin (25,95 Euro).






