Wovon sprechen wir eigentlich, wenn es um die Ernährungsumgebung geht? Wie lautet Ihre Definition?
Ich verstehe unter Ernährungsumgebung die Summe aller Eindrücke, die Konsumierenden im Alltag in Bezug auf Lebensmittel begegnen. Es geht dabei also nicht nur um physische Aspekte, wie zum Beispiel im LEH um die Produktsortimente oder Platzierungen von Produkten, sondern um alle Faktoren, die bis zur finalen Konsumentscheidung das Ernährungsverhalten beeinflussen. Das umfasst somit eine ganze Bandbreite bis hin zu sozialen Einflüssen.
Welche sozialen Einflüsse sind in diesem Zusammenhang gemeint?
Unter sozialen Einflüssen verstehe ich die Auswirkungen des sozialen Umfelds auf das Konsumverhalten. Gerade beim Lebensmittelkonsum spielen soziale Faktoren eine eewichtige Rolle, da Essen oft gemeinsam stattfindet und Teil sozialer Interaktionen ist. Das Umfeld beeinflusst, was und wie wir essen. Es zählen auch Werte und kulturelle Prägungen dazu. Ernährung und Nahrungsaufnahme sind kulturell stark verankert und werden von gesellschaftlichen Normen und Traditionen mitbestimmt.
Das bedeutet, dass die Entscheidung für nachhaltigen Konsum bereits vor dem eigentlichen Einkauf stattfindet…
Genau. Was wir konsumieren, wird nicht nur im Supermarkt entschieden, sondern bereits davor. Auch Werbung und soziale Medien spielen eine Rolle, alles, worüber Lebensmittel präsent sind. Werden Menschen immer wieder mit einem bestimmten Hinweis oder einer bestimmten Information konfrontiert, beeinflusst das ihr Konsumverhalten. Deshalb ist es wichtig, ein Augenmerk auf die gesamte Ernährungsumgebung zu haben.
Welcher Faktor hat den stärksten Einfluss vor Ort im Supermarkt?
Eine zusammenfassende Studie aus dem letzten Jahr hat Veränderungen in der Ernährungsumgebung miteinander verglichen und hält fest: Eine erhöhte Verfügbarkeit nachhaltiger Optionen ist ein sehr starker Anreiz. Eine starke Präsenz erleichtert die Entscheidung und signalisiert Normalität. Kurz gesagt: Nachhaltige Entscheidungen müssen einfach gemacht werden.
Nicht immer ist eine nachhaltige Option für den Shopper aber als solche erkennbar…
Richtig. Das zählt zu den Herausforderungen für den Handel, für Transparenz und Vergleichbarkeit zu sorgen. Er kann kreativ agieren, aber die Lösungen müssen schnell erfasst werden können ‒ zu viele Infos würden wiederum eine Hürde darstellen. Auch die Tatsache, dass Lebensmittel eng mit Identität und Tradition verbunden sind, ist herausfordernd. Entscheidungen des Händlers, etwa zur Sortimentsgestaltung, könnten gesellschaftlich oder politisch interpretiert werden. Werden Maßnahmen als Eingriff in die Entscheidungsfreiheit wahrgenommen, kann das ihre Akzeptanz verringern.
Welche Themen werden die Ernährungsumgebung in Bezug auf Nachhaltigkeit prägen?
In meiner Wahrnehmung tritt Nachhaltigkeit derzeit etwas in den Hintergrund. Gesundheitstrends wie Longevity sorgen aber dafür, dass mit Themen wie pflanzliche Proteine und weniger verarbeitete Lebensmittel auch nachhaltigkeitsrelevante Aspekte präsent bleiben. Mit zunehmender Verbreitung diverser Ernährungsstile in der Gesellschaft wird auch die Nachfrage nach vielfältigeren Produkten steigen. Dafür werden künftig differenziertere Angebote benötigt.






