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Azubis neu verstehen

Die Ausbildung im LEH verändert sich: Social Media prägt die Erwartungen junger Menschen, im Betriebsalltag gelten jedoch andere Anforderungen. Wie sich dieser Spagat zeigt, erklärt Timm Frößeler, der selbst eine Ausbildung im Handel durchlaufen hat und heute Bezirksleiter bei Penny ist.

Dienstag, 30. Juni 2026

Timm Frößeler
Timm Frößeler setzt bei Ausbildung auf Verständnis und GeduldFoto: Timm Frößeler

Von Tanya Wolf

Timm Frößeler (27) weiß, wie Ausbildung im Lebensmitteleinzelhandel funktioniert – aus eigener Erfahrung. Seit neun Jahren ist er bei Penny, startete dort mit einer Ausbildung, wurde Marktleiter und absolvierte ein duales Studium. Heute ist er als Bezirksleiter für zehn Filialen verantwortlich. Seine Erfahrung: Ausbildung hat sich verändert – und damit auch die Rolle der Ausbilder.

Sie haben Ihre Ausbildung selbst noch nicht lange hinter sich. Was ist heute anders als damals?
Ich sehe das heute durch eine andere Brille. Ich glaube, dass die Erwartungshaltung an Azubis durch dieses ganze Generationsthema, das so riesengroß gemacht wurde, gesunken ist. Es herrscht ja oft derselbe Tenor: neue Generation, andere Arbeitseinstellungen. Was vielleicht gar nicht zu 100 Prozent so stimmt, aber dieses Bild ist da. Und ich glaube schon, dass Azubis heute mehr Zeit und Raum bekommen, sich zu entwickeln.

Wo merken Sie diese Veränderung im Alltag am deutlichsten?
Ich glaube, der Bezug zur Arbeit ist ein anderer geworden. Durch Social Media entsteht dieses Bild: Du kannst alles machen, frei sein, überall arbeiten. Aber was wirklich dahintersteckt oder wie viel Arbeit das ist, sieht man ja nicht.
Dadurch verschwimmt das Ganze ein bisschen. Also auch das Gefühl dafür, wie wichtig Arbeit ist und was man investieren muss, wenn man etwas erreichen will.

Und ganz konkret im Arbeitsalltag?
Das fängt oft schon bei Basics an, Pünktlichkeit, Verantwortung und Verlässlichkeit. Also dieses Verständnis: Was löse ich eigentlich aus, wenn ich zu spät komme oder mir keine Mühe gebe? Für die Kollegen, fürs Team.
Oft heißt es einfach: Ich mache das, weil ich es machen muss, nicht, weil ich es machen will oder weil es mir einen Mehrwert bietet oder meine Zukunft bestimmt. Sondern weil ich aus der Schule komme und jetzt eine Ausbildung mache.

Wie unterschiedlich sind die Azubis?
Man merkt relativ schnell: Haben wir hier einen Diamanten oder jemanden, der mit der Masse schwimmt? Und wenn man so einen Diamanten hat, dann hat er es auch verdient, gesondert behandelt zu werden. Man muss schauen: Wie schnell lernt jemand, wie aufnahmefähig ist er? Da gibt es einfach Unterschiede. Und dann kann es natürlich sein, dass jemand früher mehr Verantwortung übernimmt oder schneller in bestimmte Aufgaben reingeht als andere. Dadurch wirkt es vielleicht so, als würden manche bevorzugt werden, aber oft liegt das einfach daran, dass sie Dinge schneller aufnehmen.

Was heißt das für Ausbilder ganz konkret?
Ich glaube, dass das Verständnis für den Azubi größer werden muss. Man muss verstehen, dass der Bezug zur Arbeit vielleicht ein anderer ist. Man muss auch mit einbeziehen, aus welchen Verhältnissen der Azubi kommt und was er von zu Hause mitbekommen hat oder eben nicht.
Und man muss geduldiger sein und auch mal an Stellen loben, wo man früher gesagt hätte: Das ist selbstverständlich. Man übernimmt da schon ein Stück weit Verantwortung, die über das Fachliche hinausgeht.

Was haben Sie aus Ihrer eigenen Ausbildung für Ihren heutigen Umgang mit Azubis mitgenommen?
Mir war es in meiner Ausbildung immer wichtig zu wissen: Wo stehe ich gerade? Was läuft gut, was läuft nicht? Ich habe da auch immer wieder nachgefragt und wollte ehrliches Feedback, nicht nur hören, dass alles passt.
Und ich bin auch ein paar Mal abgehoben und ganz im Sturzflug unten aufgeprallt. Aber auch das war für mich wichtig, ganz klar gesagt zu bekommen: Wenn du so weitermachst, dann können wir dich nicht gebrauchen.
Also ein extrem ehrlicher und offener Umgang – mit dem nötigen Maß an Empathie, aber auch mit der nötigen Härte.

Wie setzen Sie das konkret im Umgang mit Ihren Azubis um?
Jetzt bin ich nicht jeden Tag mit den Auszubildenden zusammen und lasse dem Marktleiter auch frei, wie er das macht. Aber ich versuche trotzdem, meine Sichtweise mitzugeben und für ein bisschen mehr Verständnis zu sorgen.
Ganz oft wird durch Stress schnell entschieden: „Taugt nichts“, „bringt nichts“. Aber man muss sich fragen: Warum sagst du das? Hast du dir wirklich genug Zeit genommen oder hast du ihn oder sie einfach abgeschoben?
Da predige ich immer wieder: Bitte habt Geduld. Versucht, eine vernünftige Verbindung zu den Azubis aufzubauen, dass Vertrauen entsteht und ihr anders beurteilen könnt, ob jemand taugt oder nicht.
Man darf nicht vergessen: Wir entscheiden am Ende im Zweifel über die Zukunft dieses Menschen.

Was bedeutet das für den täglichen Umgang miteinander?
Man muss die Leute ein bisschen mehr mit einbeziehen und vor allem auch ein Stück weit Freund sein. Ich glaube, es ist wichtig, dass ein Azubi auch mal „Digger“ sagen darf und der Umgang nicht so steif ist. Also das Ganze ein bisschen auflockern und ihnen das Gefühl geben: Ich darf hier so sein, wie ich bin.

Bleibt im Alltag überhaupt genug Zeit für gute Ausbildung?
Es wird nicht einfacher, keine Frage. Aber wenn die Strukturen und Abläufe im Markt passen und der Marktleiter wirklich Lust darauf hat, dann ist die Zeit da.
Für den Azubi ist das entscheidend. Er möchte sagen: „Hey, das macht Spaß, die nehmen sich Zeit.“ Wenn er dagegen das Gefühl hat, er wird nur abgeschoben, dann hat er irgendwann keinen Bock mehr und dann geht die Motivation verloren.

Wie sehen Sie die Ausbildung in Zukunft?
Ich glaube, dass sich vieles wieder ein bisschen einpendeln wird. Das sieht man ja auch in vielen anderen Bereichen, Mode, Klamotten, Frisuren, dass Sachen von früher irgendwann wiederkommen.
Ich glaube und hoffe, dass Social Media wieder ein bisschen abflacht, weil es gerade für viele Azubis immer schwieriger wird zu unterscheiden, was Realität ist und was nicht, auch durch die KI.
Und ich glaube, dass wir uns dadurch auch in der Einstellung zur Arbeit wieder eher dahin entwickeln, wo wir früher mal waren und wir uns der Realität wieder mehr bewusst werden.

 

 

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