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“Es wird nicht genug getan, um die Konzentration im Lebensmittelsektor zu stoppen.”

Laut einer Studie der Universität Freiburg sank die Zahl der Betriebe in der Lebensmittelverarbeitung binnen 20 Jahren um 44 Prozent. Prof. Dr. Armin Wiek, verantwortlich für die Studie, sieht strukturelle Nachteile für Mittelständler gegenüber Konzernen – und mahnt mehr Innovation an.

Freitag, 26. Juni 2026

Mittelstand unter Druck.Foto: Adobe Stock/hkama

Von Marcelo Crescenti

Prof. Dr. Arnim Wiek

Prof. Dr. Arnim Wiek (Foto: Ivar Pel Fotografie)

Die Konzentration im Lebensmittelsektor schreitet voran. Prof. Dr. Arnim Wiek ist Leiter der Humboldt-Professur für Nachhaltige Ernährungswirtschaft an der Universität Freiburg. Er ist verantwortlich für eine Studie, die den Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung dokumentiert. Fazit: Die Konzentration in der Lebensmittelindustrie hat weitreichende Folgen für Versorgungssicherheit, Arbeitsplätze und Umweltschutz.

Laut Ihrer Studie* ist die Zahl der lebensmittelverarbeitenden Betriebe in den letzten 20 Jahren in Deutschland um 44 Prozent gesunken. Wird sich diese Entwicklung so fortsetzen?

Aufgrund des starken Rückgangs der letzten Jahre wird die Kurve nun etwas abflachen. Doch wenn wir so weitermachen, wird es weitere Schließungen und Übernahmen in der mittelständischen Lebensmittelwirtschaft geben. Es wird nicht genug getan, um die Konzentration im Lebensmittelsektor zu stoppen.

Was ist Ihrer Meinung nach das Hauptproblem?

Mittelständische Unternehmen leisten einen wichtigen Beitrag zur Lebensmittelversorgung, sind aber aufgrund wirtschaftlicher und regulatorischer Rahmenbedingungen gegenüber Großunternehmen benachteiligt. Konzerne können Fachpersonal für Dokumentationspflichten einstellen, kleinere Betriebe nicht. Großunternehmen ersetzen Arbeitsplätze durch Automatisierung, im Handwerk werden Arbeitsplätze erhalten. Auch bei Subventionen werden Großunternehmen bevorteilt. Diese Liste lässt sich fortsetzen.

Redet man mit Händlern, hört man Sätze wie: Jede Woche klopft ein Start-Up bei mir an und möchte ein neues Produkt verkaufen. Können junge Unternehmen den Strukturwandel nicht kompensieren?

Hier muss man differenzieren. Bei Energydrinks etwa mag der Saldo der Gründungen gegenüber den Schließungen positiv sein. Schaut man sich hingegen essenzielle Lebensmittel wie Brot, Milch, Fleisch oder Gemüse an, ist die Situation eine ganz andere. Hier schreitet die Konzentration kontinuierlich voran.

Welche Chancen haben mittelständische Lebensmittelverarbeiter, um im Wettbewerb zu bestehen?

Es geht nur über Innovation. Man muss als Mittelständler neue Wege gehen, ausprobieren, auf Trends reagieren. Durch flache Hierarchien können kleinere Betriebe das oft viel besser und schneller als Konzerne. Auch bei der Personalgewinnung muss man neue Wege gehen und zum Beispiel die Migration nutzen. Man muss die Spielräume nutzen, die sich bieten, bevor das Unternehmen mit dem Rücken zur Wand steht und die Lösung entweder Schließung oder Übernahme lautet.

Mittelständler klagen sehr viel über die Politik. Zurecht?

Es braucht eine gezielte Förderung des Mittelstands. Dazu eine Entlastung von bürokratischen Hürden. Kleinere Betriebe sollten nicht die gleichen Anforderungen erfüllen müssen wie Großkonzerne.

Was passiert, wenn die Zahl der mittelständischen Lebensmittelverarbeiter weiter abnimmt?

Dann bekommen wir zukünftig ein Problem mit der Versorgungssicherheit. Wir sind zwar noch davon entfernt. Doch Versorgungssicherheit braucht Vielfalt – neben Großunternehmen benötigen wir dafür viele mittelständische Unternehmen. Es braucht auch Redundanzen in der Lieferkette – das heißt, wenn einer ausfällt, gibt es Alternativen. Noch haben wir den nötigen Spielraum, Versorgungslücken zu vermeiden. Dafür braucht es aber den Mittelstand – und eine entsprechende Politik.

* Buckwitz, S., Wiek, A., Blum, B., & Sipple, D. (2025). Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung in Deutschland – Ursachen, Folgen und Maßnahmen für Resilienz und Nachhaltigkeit. Humboldt-Professur für Nachhaltige Ernährungswirtschaft, Institut für Wirtschaftswissenschaften, Universität Freiburg.

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