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Hauptsache, die Jugend informiert sich irgendwo? – Soziale Medien und die dunkle Seite der Meinungsbildung

Zur Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“ des BDZV - Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger: Jugendliche informieren sich zunehmend über Social Media. Doch Algorithmen belohnen vor allem Aufmerksamkeit – und damit oft extreme Inhalte statt ausgewogener Perspektiven.

Donnerstag, 17. September 2026

Foto: Geradin Partners / Michel Buchmann

Von Thomas Höppner

Knapp vier Stunden täglich verbringen Zwölf- bis 19-Jährige in Deutschland am Smartphone.  Das ist das Ergebnis der repräsentativen JIM-Studie 2025. Danach lesen sie keine Zeitung mehr und schalten keine Tagesschau ein. Immerhin: Ein Drittel von ihnen informiert sich eigenen Angaben zufolge über Nachrichten via Instagram, Facebook, TikTok oder YouTube.

Alles gut also: Hauptsache, die Jugend informiert sich irgendwo? Die Big-Tech-Plattformen verstärken diesen Ansatz noch. Schließlich berichteten dort auch Influencer und -innen über News, heißt es da. Und: So sehe moderner Journalismus aus.

Klage lässt tief blicken

Spätestens seit den Erkenntnissen aus den Klagen gegen Meta, Google (YouTube) und TikTok, denen zufolge die Konzerne Kinder und Jugendliche absichtlich süchtig machten, lässt sich diese wohlwollende Lesart des neuen Medienkonsums nicht mehr halten.

Im Eröffnungsplädoyer gegen Meta brachten die 29 klagenden US-Bundesstaaten am 18. August 2026 die Vorwürfe auf eine Formel, die an die Tabaksucht-Prozesse der Neunziger Jahre erinnert: Meta habe junge Nutzer „geködert, gehalten, ihre Daten abgeschöpft und dann die Wahrheit verborgen“ – hook, hold, harvest, hide. Bereits im März 2026 hatte eine US-Jury Meta und Google für das Design ihrer Plattformen haftbar gemacht; nicht für Inhalte selbst, sondern für Funktionen wie Autoplay, Endlos-Scrollen und Push-Benachrichtigungen, die gezielt süchtig machen. Ein Richter in New Mexico erklärte im August 2026 Metas Plattformen zur „public nuisance“ und verglich den Konzern mit einer Fabrik, deren Werbegeschäft „noxious pollution“ ausstoße – schädliche Emissionen, die Gesundheit und Wohl der ganzen Gemeinschaft gefährdeten.

Die Verfahren haben schon jetzt gezeigt, dass die größten Betreiber sozialer Medien ihrem Werbegeschäft alles unterordnen, insbesondere die Gesundheit und Entwicklung ihrer jüngsten Nutzer. Wer aber die Gesundheit von Kindern nicht schützt, wird ihrer ausgewogenen Bildung und Information erst recht keinen Wert beimessen. Ein Geschäftsmodell, das Kinder- und Jugendschutz der Verweildauer und Werbeerlösen opfert, wird polarisierende, extreme Inhalte kaum aus Rücksicht auf Informationsqualität zurückstellen, wenn sie mehr Engagement erzeugen als ausgewogene.

Gefahr für demokratische Willensbildung

Genau darin liegt aber auch eine immense Gefahr für die demokratische Willensbildung. Das Szenario: Ein Großteil der Wahlberechtigten nutzt soziale Medien als Nachrichtenquelle, häufig sogar als einzige Quelle. Zugleich stellen diese Plattformen extreme Positionen zur Gewinnung von Reichweite systematisch vor ausgewogene. Damit verschiebt sich die öffentliche Meinung an die Ränder; eine Meinungsbildung aus der gesellschaftlichen Mitte wird erschwert. Extremes wird zu „Mainstream“ – und über Wahlen zur Realität.

Es ist höchste Zeit, dass die Medienregulierung eingreift. Presse und Rundfunk haften für Falschaussagen – soziale Netzwerke dürfen sie hingegen ungestraft algorithmisch verstärken und ihnen so Breitenwirkung verschaffen. Mit dieser Schieflage entziehen Google und Meta redaktionellen Medien zunehmend Aufmerksamkeit und Werbeerlöse und damit ihre wirtschaftliche Grundlage.

Presseförderung im Koalitionsvertrag

Eine im Koalitionsvertrag versprochene, bislang aber nicht umgesetzte Presseförderung wäre keine Subventionsromantik, sondern die Antwort auf einen Wettbewerb, der zwischen ungleich haftenden und ungleich regulierten Akteuren längst nicht mehr fair verläuft. Wer das erkennt, aber Presse und Rundfunk weiter allein dem Markt überlässt, entscheidet sich im Ergebnis für ein Informationsökosystem, dessen Leitwährungen nicht mehr Wahrheit und Meinungsbildung sind, sondern Verweildauer und Polarisierung.

Professor Dr. Thomas Höppner, Partner in der Kanzlei Geradin Partners, ist Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Kartellrecht.

Die zitierte Studie: JIM-Studie Jugend Information Medien 2025 https://mpfs.de/studien/jim-studie/

Demokratie braucht viele Stimmen: Journalistische Medien setzen ein Zeichen

Journalistische Medien setzen vom 14. bis 19. September 2026 mit der Aktion „Demokratie braucht viele Stimmen“ ein Zeichen für eine informierte demokratische Öffentlichkeit – und die RUNDSCHAU für den Lebensmittelhandel macht mit. Diese Initiative, die rund um den Internationalen Tag der Demokratie (15. September) stattfindet, zieht Gesellschaft und Politik zum Dialog über die Bedeutung glaubwürdiger Informationen und des professionellen Journalismus ein.

Ein breites Bündnis journalistischer Medien und ihrer Verbände trägt die Initiative, die auch unter dem Leitgedanken „Demokratie braucht viele Stimmen“ lädt dazu ein, die Vielfalt der Meinungen und Perspektiven zu fördern und die öffentliche Debatte über die Zukunft der demokratischen Öffentlichkeit anzuregen.

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