Herr Klaus, noch vor wenigen Jahren gab es einen wahren Aufschrei der klassischen Bäckereien, nachdem die Energiepreise infolge des Ukrainekrieges durch die Decke schossen. Wie hat sich die Branche seitdem entwickelt und womit hat sie aktuell zu kämpfen?
Aus unserer Sicht hat sich der Hype um bezahlbare, conveniente und allerorten verfügbare SB-Backangebote in den letzten Jahren wieder etwas relativiert – und damit auch der Druck auf klassische Bäckereiketten und den LEH. Trotzdem belasten die nach wie vor hohen Preise, auch bedingt durch gestiegene Rohstoff- und Energiekosten, weiterhin die Nachfrage. Daneben bleibt die schwierige Personalsituation ein großes Sorgenkind.
Wie äußert sich diese Personalnot konkret?
Es ist nicht leicht, die richtigen Fachkräfte oder überhaupt Fachkräfte zu finden, die mit Blick auf die Öffnungszeiten, aber auch beim Thema Zuverlässigkeit die Anforderungen erfüllen. Wir beobachten deshalb auch, dass sich das Einkaufserlebnis für die Konsumenten hier durchaus verschlechtert hat. Viele Betreiber müssen schlichtweg zusehen, dass sie überhaupt zurechtkommen. Das bedeutet im Zweifel auch, dass der Kunde nicht immer König ist.
Wenn wir speziell auf den LEH schauen, welche Rolle spielt dieser Vertriebskanal und gibt es dort nennenswerte Veränderungen?
Der LEH ist weiter „der“ große Anbieter für Brot und Backwaren. Er setzt beziehungsweise übernimmt Trends und bietet eine große Vielfalt. Positiv ist, dass sich die Effizienz der einzelnen Prozesse verbessert hat. So wird etwa das Einkaufsverhalten genauer analysiert, wodurch am Ende des Tages nicht mehr so viel Ware in den Regalen übrig bleibt. Zudem profitiert der LEH von Käuferbewegungen. Denn Menschen, die früher beim Handwerksbäcker um die Ecke oder im Biomarkt eingekauft haben, gehen nun angesichts knapper Budgets häufiger in die großen Supermärkte. Dort finden sie ein breites Angebot inklusive Bio-Sortiment vor und haben unterschiedliche Packungsgrößen zur Auswahl: Zehn Scheiben Brot lassen sich bei Einkommensschwächeren deutlich besser verkaufen als ein ganzer Laib.
Was also sollte der LEH jetzt tun, um bestmöglich von dieser Entwicklung zu profitieren?
Er muss eine solide und vor allem kostenbewusste Grundversorgung gewährleisten, von der Laugenbrezel bis zum Vollkornbrot. Das ist in diesen Zeiten der Hauptauftrag. Daneben werden Aufbackprodukte, ob tiefgekühlt oder ungekühlt, für Konsumenten zunehmend attraktiv. Abrunden kann der LEH sein Angebot mit Spezialitäten, die beispielsweise eine zusätzliche Funktionalität beim Thema Gesundheit bieten – Stichwort Verdauung/Unverträglichkeiten – oder eine hohe Handwerklichkeit, wie etwa Brote mit einer besonders krossen Kruste.
Apropos Spezialitäten: Heißt das mehr internationale Sortimente?
Absolut. Internationale Spezialitäten umfassen idealerweise nicht nur die Zimtschnecke aus Skandinavien oder die Donuts aus den USA. Es dürfte sich durchaus lohnen, sowohl bestehende wie auch neue Migrantengruppen stärker anzusprechen: Neben türkischstämmigen Konsumenten, die Süßgebäck wie Baklava mögen, könnte man künftig auch die Region Osteuropa in den Blick nehmen und so dabei helfen, diese Kultur in den Mainstream zu überführen. Hier schlummert möglicherweise noch ungenutztes Käuferpotenzial.
Und wo bleibt die deutsche Handwerkskunst?
Wir reden hier tatsächlich über ein großes Erbe. Allein die Vielfalt und Abwechslung, mit der uns das heimische Backhandwerk seit Jahrzehnten verwöhnt, ist ein Wert an sich. Dennoch: So großartig diese Produkte auch sind, die finanziellen Engpässe in vielen Haushalten bescheren ihnen zunehmend ein Nischendasein.






