Artikel

Store-Check Markta, Wien: Vom Land in die Stadt

Der seit gut fünf Jahren in Österreich tätige digitale Bauernmarkt Markta eröffnete nun seine erste stationäre Filiale in Wien. Im Sinne der nachhaltigen Geschäftsphilosophie trifft hier ein Vollsortiment aus fairer regionaler Produktion auf ökologisches Naturdesign.

Die geräumige Holztheke beim Eingang dient als Kassa, Kaffeebar und Gebäckstation zugleich. Foto: Markta/Stefan Wild
Von Claudia Jörg-Brosche | Fotos: Markta/Stefan Wild

Schon der erste Eindruck macht klar: Hinter der Fassadenaufschrift „Markta – Einfach gute Lebensmittel“ offenbart sich kein herkömmlicher Supermarkt. Naturholz dominiert die Einrichtung, alles ist hell, freundlich und lichtdurchflutet. Rechts vom Eingang, entlang der Fensterfront, lädt ein langer Tresen mit Stühlen zum Rasten ein. Dahinter dient eine geräumige Theke aus Holz als Kasse, Kaffeebar sowie Gebäckstation.

Einen raschen Espresso sollte sich der Kunde hier unbedingt gönnen, denn der verdeutlicht die nachhaltige Philosophie von Markta: „Brigantes Bio-Kaffee“ aus fairer Produktion wird CO2-neutral per Segelschiff von Mittelamerika nach Österreich geschippert. „Lebensmittel sind erst dann gut, wenn sie für alle gut sind: für Produzenten, Tiere, Umwelt sowie Konsumenten“, umreißt Markta-Gründerin Theresa Imre ihr Credo. 

Konkret heißt das: Markta wählt sein Sortiment sehr behutsam aus und bezieht Lebensmittel von Klein- und Familienbetrieben, möglichst in Bio-Qualität und aus der direkten Umgebung. „Wir kennen all unsere rund 
250 Produzenten persönlich und wissen, wie sie agieren. Faire Entlohnung und Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind essenziell, denn nur so können landwirtschaftliche Betriebe kompromisslos hochwertige Lebensmittel produzieren“, erklärt Imre. 

Vom Bauernmarkt zum Vollsortimenter

2018 gründete die studierte Betriebs- und sozioökologische Volkswirtin das Start-up markta.at als digitalen Online-Bauernmarkt für faire, lokale (Bio-)Produkte. Imre sah (und sieht) ihr umfangreiches Netzwerk aus landwirtschaftlichen Betrieben als Gegenkonzept zur industriell gefertigten Massenware der Supermärkte und erhielt dafür zahlreiche Auszeichnungen – „Unternehmerin des Jahres - Social Entrepreneurship 2021“ oder „Österreicher:in des Jahres 2022“ – und wurde in die „Forbes 30 under 30“ aufgenommen.


"Auf unserer Warteliste stehen rund 2.000 Betriebe, die unseren Ansprüchen entsprechen und bei Bedarf jederzeit liefern könnten."

Theresa Imre, Markta-Gründerin


Im September 2023 eröffnete Markta nun die erste stationäre Filiale in der Alserstraße im zentrumsnahen 9. Bezirk in Wien. Der Vollsortimenter (von Gemüse aus Wien-Donaustadt über Bio-Fleisch aus dem Waldviertel bis zu handgeschöpfter Seife aus der Obersteiermark) ist ein Covid-Resultat. Während der Pandemie explodierte der Onlinehandel nahezu, entsprechend wurde auch das Produzentennetzwerk ausgebaut.

Doch nach den Lockdowns strebten die Leute wieder hinaus in den stationären Handel. So gibt es Markta nun als hybrides Geschäftsmodell: online und stationär. Der massiv gesteigerte Warenbedarf ist dabei kein Problem. Imre: „Auf unserer Warteliste stehen rund 2.000 Betriebe, die unseren Ansprüchen entsprechen und bei Bedarf jederzeit liefern könnten. Das zeigt, wie dringend kleine Landwirte nach Alternativstrukturen zum herkömmlichen LEH suchen!“

Ökologisches Ladendesign 

Die Liegenschaft des Markta-Marktes entstand 1972 aus der Zusammenlegung der Erdgeschossbereiche zweier Gründerzeit-Zinshäuser, der Raum dazwischen wurde mit einem spitzen Glasdach überspannt. Diese einstige Filiale einer Bank war zuletzt ungenutzt. „Die Leerstandsbelebung passt perfekt zu uns und wurde darüber hinaus von der Stadt Wien gefördert“, freut sich Theresa Imre.


"Die Leerstandsbelebung passt perfekt zu uns und wurde darüber hinaus von der Stadt Wien gefördert."

Theresa Imre, Markta-Gründerin


Auch die Ladengestaltung verdeutlicht die Markta-Philosophie, umgesetzt wurde sie von Mario Gamser, Head of Design. Bei der Farbauswahl ließ er sich von den berühmten Jugendstil-Stadtbahnstationen von Otto Wagner in Wien inspirieren: Resedagrün, kombiniert mit Weiß.

Auch die Umbauarbeiten geschahen ganz im Sinne der Regionalität, Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit. Auf großflächige Verkleidungen wurde zwecks Ressourcenschonung bewusst verzichtet. Ebenso auf klassische Regalgänge. Hohe Stellagen kommen nur an den Seitenwänden zum Einsatz, in der Raummitte ermöglichen Tische eine Sichtbeziehung quer durch den Laden. Für eine Minimierung des Energieverbrauchs kommen für die Beleuchtung selbstoptimierte LED-Strahler zum Einsatz, die automatisch ihre Helligkeit anpassen, sowie ausschließlich Kühlgeräte mit Glastüren, deren Abwärme wiederum genutzt wird.

Eigens kreierte Einkaufswagen

Dass Markta anders ist, zeigen auch die eigenen Einkaufswagen: formschön und praktisch. Auf ein grünes Stahlgestell mit Holzgriff werden geräumige Baumwolltragetaschen gehängt, welche die Kunden auch kaufen können. Hinter der Wagenreihe erstreckt sich der Obst- und Gemüsebereich. Infotafeln geben Auskunft über Herkunft und Produzenten oder inspirieren mit gesunden Rezepten. Auffallend sind Raritäten wie weiße Mini-Melanzani, Spezialsalate oder runde, gelbe Gurken. Die Plastikverpackung kommt nur dort zum Einsatz, wo sie eine längere Haltbarkeit bewirkt – etwa bei Salaten oder Pilzen. Ansonsten ist alles appetitlich in Holzkisten, Kartonschalen und Papiersäcken arrangiert

Nach der kleinen Unverpackt-Station wartet im hintersten Ladenbereich eine Kühlschrankwand. Hier lagern Käse der besten Manufakturen Österreichs, unter anderem Mozzarella. Im umfangreichen Veganbereich sind Kleinstbetriebe und Start-ups aus Österreich wie die Pflanzerei oder il fermento vertreten. Die hochwertigen Bio-Edelpilze von Vitus Vitality gedeihen auf Sägemehlabfällen und werden unter anderem zu Burger-Pattys weiterverarbeitet. Bei Obst und Gemüse geht regionale Herkunft (Umkreis rund 30 km) vor Bio-Qualität; Spritzmittel sind stets tabu. Das Brotsortiment stammt von den beiden renommierten fairen Bio-Bäckereien Joseph Brot (Wien) und Schmidl – Wachauer Backkunst. Das regionalste Produkt ist die Eiscreme von Schelato: Die Eisdiele dazu liegt keine 800 Meter vom Markta-Laden entfernt.

Allerhöchste Qualitätsansprüche, weit über Bio hinaus, gelten bei Fleisch und Fisch. Imre: „Hier schauen wir uns die Zulieferbetriebe ganz genau an, auch hinsichtlich Tierwohl – zum Beispiel wie viel Schwimmfläche hat ein Fisch – sowie sozialen Standards.“ Derart glücklicher Fisch hat seinen Preis: 110 Gramm gebeizte Bio-Lachsforelle kosten 8,39 Euro. Zusätzliche zu den „Alltags-Basics“ werden auch ausgefallene Spezialitäten angeboten: Sojasauce oder Miso aus dem Weinviertel, frischer Ingwer aus der Steiermark oder Safran aus Niederösterreich. Bei den Grundnahrungsmitteln ist die Preisgestaltung ähnlich wie bei der Konzern-Konkurrenz, Obst und Gemüse sind mitunter sogar günstiger.

Das Vollsortiment wird mit Weinen von kleinen Winzern, Bier aus Kleinstbrauereien, österreichischen Spirituosen, Hygiene-, Haushalts- und Reinigungsartikeln sowie Babynahrung komplettiert. „Wir haben auch regional erzeugtes, papierverpacktes Toilettenpapier aus Niederösterreich, im Hausmüll kompostierbare Bio-Tüten – und sogar Fair-
trade-Kondome. Hier wurden wir allerdings nur in Finnland fündig“, schmunzelt Imre, die mit ihrem Co-Geschäftsführer Julian Hödlmayr bereits weitere Expansionspläne schmiedet.

„Zuerst einmal warten wir die Learnings hier ab, dann ist langsames, gesundes Wachstum angesagt.“ Konkret denkt das Duo an zehn weitere Filialen – ein bis zwei Eröffnungen pro Jahr – und über Wien hinaus (etwa Linz oder Graz). „Auch Deutschland wäre für Markta interessant ...“, träumt Imre.


INTERVIEW

Theresa Imre, Gründerin und Geschäftsführerin von Markta

Frau Imre, was unterscheidet Markta vom herkömmlichen Lebensmitteleinzelhandel? 
Alles! Die ursprüngliche Idee war ein neu gedachter digitaler Bio-Bauernmarkt für regionale Naturalien im Sinne der Nachhaltigkeit. Denn ich bin überzeugt: Die gängige Agrarwirtschaft mit ihrer Massenproduktion in Monokulturen und die Preispolitik der großen Handelsketten sind eine ungesunde Entwicklung. 

Was zeichnet Ihre Produkte aus?
Unsere Devise lautet: so nah wie möglich, so weit weg wie nötig. Wir bringen die frischesten Produkte, möglichst Bio-Qualität und von kleinen Produzenten, vom nahen Land in die Stadt und kennen die Zulieferer persönlich. Transparente Informationen zeigen auf, was gutes Essen wert ist und schaffen Bewusstsein für die Situation der Klein(st)bauern. Unseren Kunden soll der Unterschied zwischen anonymer Einheits-Massenware und regional-saisonalem Slow Food klar sein!

Wie geht es mit dem Online-Marktplatz weiter?
Der bleibt wie gehabt. Wir verfolgen künftig ein hybrides Geschäftsmodell, beide Kanäle werden sich gegenseitig befruchten. Ich denke, die Filiale ist unser bestes Marketingtool für den Onlinehandel. Und wir werden auch weiterhin komfortable Online-Einkaufabos – etwa für den Wocheneinkauf – bieten. 


MARKTDATEN

Markta – Einfach gute Lebensmittel 

  • Adresse: Alserstraße 16, 1090 Wien, Österreich
  • Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 8 bis 19 Uhr, Samstag 8 bis 18 Uhr
  • Eröffnung: 13. September 2023, davor zehn Wochen Probebetrieb mit einem reduzierten Sortiment
  • Verkaufsfläche: 400 m², barrierefrei
  • Anzahl Mitarbeiter: 8 (Filiale), 30 (gesamt)
  • Artikelanzahl insgesamt: rund 1.000 
  • Regionale Lieferanten: ca. 250
  • Anteil nationale Produkte: über 95 Prozent
  • Anteil Bioprodukte: 62 %

Artikel teilen

Immer gut informiert