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Digital Link: Weichensteller für den LEH

Der digitale Wandel schreitet in großen Schritten voran. Bis Ende 2027, so der Ansatz von GS1, soll weltweit ein neuer Barcode für mehr Kundennähe, Effizienz und Transparenz der Lieferketten sorgen. Möglich macht das der GS1 Digital Link. Wie der funktioniert und was er kann, erklärt Sandra Hohenecker vom GS1-Experten-Team.

Von Karina Caspers | Fotos: Adobe Stock/vectorfusionart

RUNDSCHAU-Leser kennen ihn längst, den quadratischen QR-Barcode. Sogar auf dem Cover dieser Ausgabe steht der Barcode und führt, wenn er mit dem Smartphone abgescannt wird, direkt auf unsere Webseite. Doch ein 2D-Code kann viel mehr, als auf eine URL zu verweisen. Das liegt vor allem an dem GS1 Digital Link. Diese Technologie verändert grundlegend die Art und Weise, wie Produkte erfasst und nachverfolgt werden und bietet neue Möglichkeiten für eine effizientere Kommunikation entlang der gesamten Lieferkette. Ein wichtiger Money Maker ist er zudem. 

Transparenz in der Lieferkette 

Sandra Hohenecker gehört zum GS1-Experten-Team und ist für die Migration vom Strichcode zum zweidimensionalen, dynamischen Barcode am Point of Sale mitverantwortlich. Im Interview mit der RUNDSCHAU für den Lebensmittelhandel sagt sie: „Traceability ist bereits seit den 1990er-Jahren ein bedeutendes Thema bei GS1. Die Einführung des 2D-Codes wurde als Lösung für die steigenden gesetzlichen Anforderungen betrachtet, die dazu führten, dass immer mehr Informationen auf der Endverbraucherpackung landeten.“ Zusammen mit dem GS1 Digital Link wird aus den bisher etablierten 2D-Codes der dynamische QR-Code.

Praxisbeispiel: Wie der mit dem GS1 Digital Link verbundene Barcode eingesetzt werden kann, erklärt Sandra Hohenecker anhand eines Use Cases. „Jake’s Lemonade, ein deutsches Start-up, setzt den 2D-Code für seine Nachhaltigkeitsthemen ein. Anstatt sich auf den EAN13-Code zu beschränken, der nur die Artikelnummer codiert, nutzt Jake’s Lemonade den 2D-Code, um zusätzliche Informationen wie Nachhaltigkeits- und Fairtrade-Informationen zu integrieren. Durch diesen dynamischen Barcode kann das Unternehmen etwa die Anzahl der Flaschenumläufe verfolgen und somit eine nachhaltigere Lieferung seiner Limonaden gewährleisten.“

Der GS1 Digital Link in Verbindung mit 2D-Codes verbessert die Rückverfolgbarkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis zum PoS. Vom Hersteller über den Einzelhändler bis hin zum Konsumenten kann die Lieferkette transparent nachverfolgt werden. Alle gesetzlichen Vorgaben (Lieferkettengesetz) werden so eingehalten.


„Der GS1 Digital Link ermöglicht eine kontinuierliche Begleitung des Kunden auf seiner Customer Journey.“

Sandra Hohenecker, GS1-Expertin


Personalisierung von Produkten

Der GS1 Digital Link ist zudem eines der effektivsten Marketinginstrumente, da im Hintergrund unterschiedliche Informationen je nach Bedarf ausgespielt werden können. Sandra Hohenecker: „Dies ermöglicht beispielsweise bei hochwertigen und limitierten Produkten wie Unterhaltungselektronik eine kontinuierliche Begleitung des Kunden auf seiner Customer Journey.“

Der Hersteller kann dem Kunden beim Auspacken des Produkts anbieten, den Code zu scannen, um ihm bei der Registrierung zu helfen. Nach erfolgreicher Registrierung können dem Kunden weitere Informationen zugespielt werden, beispielsweise Erinnerungen für Software-Updates. Diese Interaktionen werden über den digitalen Link ermöglicht, der durch die Weichenstellung von GS1 geschaffen wurde, ohne dass der Code geändert werden muss. Die Art der bereitgestellten Informationen variiert je nach Produkttyp. 

Stichwort Hyperpersonalisierung: Zukünftige Entwicklungen könnten eine verstärkte Personalisierung von Produkten und eine intensivere Kundeninteraktion ermöglichen. Unternehmen könnten den GS1 Digital Link nutzen, um individualisierte Angebote, Produktinformationen oder sogar interaktive Elemente direkt an die Konsumenten zu liefern beziehungsweise zu senden.

Präzise Verkaufsdaten sammeln

Der 2D-Code steigert zudem die Effizienz im Lagermanagement bis hin zum Kassiervorgang, wie Sandra Hohenecker betont. Bereits in der aktuellen Praxis wird über Paletten-etiketten mit 1D-Codes, wie dem GS1-128, die Kommunikation zwischen Herstellern und Händlern erleichtert, indem Artikelnummern, Mindesthaltbarkeitsdaten (MHD) und Chargennummern darauf vermerkt sind.

Durch die Einführung der 2D-Codes muss etwa der Mitarbeiter im Einzelhandel nicht mehr jedes Produkt optisch überprüfen. Durch das Scannen der Informationen auf dem Karton, der auch Chargennummern und MHD enthält, kann der Mitarbeiter den Bestand schnell und genau verwalten. Dies erstreckt sich auch auf den Verkaufsbereich, wo an der Kasse relevante Informationen wie kurze Restlaufzeiten automatisch erkannt werden können. Auch eine automatisierte Preisreduzierung im Kassiervorgang wird so ermöglicht.

Durch die Integration von QR-Codes ins Category Management können Einzelhändler und Markenhersteller präzise Verkaufsdaten sammeln. Jeder Scan eines QR-Codes liefert Daten darüber, welche Produkte häufig nachgefragt werden und wie Kunden mit bestimmten Produktkategorien, auch nach dem Kauf, interagieren. Diese Daten können für fundierte Category-Management-Entscheidungen genutzt werden.


„Die Herausforderung liegt darin, dass viele klassische QR-Codes noch keine globale Artikelnummer enthalten. Daher werden vorerst beide Codes nebeneinander verwendet."

Sandra Hohenecker, GS1-Expertin


Die Migration ist im vollen Gang 

Die Einführung des 2D-Codes mit GS1 Digital Link befindet sich noch in der Migrationsphase. Bis Dezember 2023 hatten weltweit knapp 200 Markenhersteller und über 90 Einzelhändler an verschiedenen Pilotprojekten teilgenommen (Quelle: GS1 Global AISBL). In Deutschland wurde Anfang 2023 ein Expertenkreis ins Leben gerufen, der mittlerweile Vertreter aus über 35 Unternehmen, darunter Markenartikler, Einzelhändler und Lösungspartner, umfasst.

Die Migrationsphase soll Ende 2027 abgeschlossen sein. In dieser Zeit sollen beide Codes, der klassische EAN-Barcode und der neue 2D-Code, gemeinsam verwendet werden. Dies ermöglicht den Händlern die schrittweise Umstellung, da nicht alle bereits über die notwendige Infrastruktur, wie 2D-fähige Scanner und Software-Updates an den Kassen, verfügen. Während der Übergangsphase können Händler selbst entscheiden, welchen Code sie verwenden möchten.

Sandra Hohenecker: „Eine Herausforderung zu Beginn besteht darin, dass viele klassische QR-Codes noch keine globale Artikelnummer, die GTIN, enthalten. Wenn die Kassen aufgefordert werden, nur QR-Codes zu lesen, kann dies zu Problemen führen, da viele QR-Codes heute noch auf klassische URLs verweisen und die Artikelnummer darüber oft nicht verfügbar ist. Um dies zu vermeiden, werden beide Codes vorerst nebeneinander verwendet.“

Die Vorteile des 2D-Codes mit dem GS1 Digital Link liegen auf der Hand und sind – da sind sich die Fachleute einig – ein wichtiger Weichensteller für die digitale Transformation, und das natürlich nicht nur in der Lebensmittelbranche. 


INFO

Wie genau funktioniert der GS1 Digital Link?

Der GS1 Digital Link ist eine URL mit standardisierter Syntax, die in einem 2D-Code verschlüsselt ist. Diese strukturierte URL enthält die globale Artikelnummer (GTIN). Wenn der 2D-Code gescannt wird, wird die hinterlegte URL aufgerufen, und die Informationen zum Produkt können abgerufen werden. Die Daten sind in den Datenbanken des Unternehmens hinterlegt und können je nach Bedarf variieren. Der GS1 Digital Link verwendet als Schlüssel die GTIN, um auf die spezifischen Produktinformationen zuzugreifen.

Ein entscheidender Aspekt des GS1 Digital Link ist die Idee des „Identifiers“. Die GTIN dient als zentrale Identifikationsnummer, die mit internen Nummern und weiteren Informationen verknüpft ist. Dieser Identifier ermöglicht eine präzise Kommunikation zwischen Herstellern und Kunden.


 


INFO

GS1 ist eine internationale Organisation, die sich auf die Standardisierung von Geschäftsprozessen in verschiedenen Branchen konzentriert. Sie entwickelt und verwaltet weltweit anerkannte Standards, darunter Barcodes zur Verbesserung der Effizienz, Interoperabilität und Transparenz entlang der Lieferketten von Unternehmen.

Ein Plus an Informationen

Der EAN-Strichcode (Abb.) ist ein eindimensionaler Code, der eine Artikelnummer enthält, während der QR-Code ein zweidimensionaler Code ist, der vielfältigere Informationen wie URLs, Text und andere Daten speichern kann.

 


 

INTERVIEW

mit Sandra Hohenecker, die für die Migration des dynamischen Barcodes mitverantwortlich ist:

Der QR-Code ist nicht die einzige Empfehlung von GS1, ist das richtig? 
Ja, das ist korrekt. Neben dem QR-Code gibt es auch alternative Empfehlungen, darunter der Data-Matrix-Code und der GS1-Data-Matrix-Code. Diese Codes sehen ähnlich aus, jedoch fehlen dem Data-Matrix-Code die drei markanten Ecken. Der GS1-Data-Matrix-Code verfügt bereits im Code über Systematiken, die eine korrekte Interpretation der Daten ermöglichen. Dieser Code wird bereits im Gesundheitswesen eingesetzt.

Die Auswahl zwischen diesen Codes hängt stark vom Anwendungsfall ab. Branchen wie das Gesundheitswesen, die Anforderungen an zusätzliche Informationen auf dem Produkt haben, können von 2D-Codes profitieren. Der Entscheidungsprozess sollte auch berücksichtigen, welchen Use Case ein Unternehmen umsetzen möchte. Wenn etwa nur die Rückverfolgbarkeit bis ins Warenlager erforderlich ist, kann ein linearer Barcode für Tracebility ausreichen. Wenn jedoch eine direkte Konsumentenansprache angestrebt wird, insbesondere wenn der Endverbraucher das Produkt aus dem Laden trägt, könnte der QR-Code bevorzugt werden.

Die Verwendung von Identen als Zusatzschlüssel in Verbindung mit einem der genannten Codes ermöglicht einen einfachen Zugang zu den Informationen in den Datenbanken und unterstützt somit die Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette.

Wie sieht es mit der Datensicherheit aus?
In Bezug auf die Datensicherheit beim QR-Code mit GS1 Digital Link ist zu beachten, dass der QR-Code lediglich eine URL enthält, ähnlich wie bei einer manuellen Eingabe. Die Daten, die hinter dieser URL bereitgestellt werden, befinden sich in den Datenbanken des Unternehmens. Die Sicherheit dieser Datenbanken sollte durch entsprechende IT-Konzepte gewährleistet sein, um sicherzustellen, dass das Unternehmen die Kon-trolle darüber hat, welche Informationen wo bereitgestellt werden.

Können die QR-Codes von jedem Scanner gelesen werden?
Die eindimensionalen Codes werden üblicherweise mit Laserscannern gelesen, während die 2D-Codes wie Data-Matrix oder QR-Codes kamerabasierte Scanner erfordern. Im Einzelhandel sind kamerabasierte Scanner weit verbreitet. So sind bereits heute 70 Prozent der Scannerkassen laut dem EHI Retail Institute mit kamerabasierten Scannern ausgestattet.

Es ist wichtig zu beachten, dass das Lesen des Codes nur der erste Schritt ist. Der zweite Schritt erfordert die Fähigkeit des Systems, die Informationen im Code zu interpretieren und zu verarbeiten. Beim herkömmlichen EAN13-Code wird einfach die Artikelnummer ausgelesen. Wenn jedoch zusätzliche Informationen wie das MHD benötigt werden, erfordert dies eine Aktualisierung der Kassensoftware.

Wie groß ist für den LEH der Aufwand, um mit diesen Daten zu arbeiten?
Der Aufwand, mit den Daten zu arbeiten, besteht vor allem darin, diese Informationen erfolgreich am PoS zu erfassen und an das Warenwirtschaftssystem zu übertragen. Gewisse Herausforderungen können in der Produktproduktion auftreten, etwa bei variablen Informationen wie MHD oder Chargennummer. Das Einbinden solcher variablen Informationen in den Code stellt eine größere Herausforderung dar als das einfache Aufdrucken in Klarschrift. Insgesamt ist der Hauptaufwand jedoch mit der reibungslosen Integration der Daten in das POS-System verbunden.
 

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